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Wissenswert

News vom 14.06.16

Brexit: „EU gibt es nur ganz oder gar nicht!“

Jürgen Schäfer, Geschäftsführer von Handwerk International Baden-Württemberg, hofft auf einen Verbleib der Briten in der EU, fürchtet aber nicht den Brexit.


Interview

Durch die Unterhauswahlen im vergangenen Jahr ist die politische Stimmung in Großbritannien gekippt. Die Zahl der Befürworter eines Ausstiegs des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union, der sogenannte „Brexit“ (Wortschöpfung aus Britain und Exit), steigt. Am 23. Juni 2016 kommt es deshalb zum Showdown in einer Volksabstimmung. Wir haben den Europaexperten und Geschäftsführer von Handwerk International Baden-Württemberg Jürgen Schäfer gefragt: kommt es zu einem Brexit? Und was würde ein Ausstieg der Briten für das Handwerk bedeuten?

Frage: Herr Schäfer, endet die Europäische Union künftig an der nördlichen französischen Grenze in Calais?

Jürgen Schäfer: Zunächst müssen wir die Volksabstimmung am 23. Juni abwarten. Sollten die Briten mehrheitlich für einen Ausstieg stimmen, würden sicherlich zwei bis drei Jahre vergehen, bis ein Ausstiegsabkommen verhandelt würde. Zusätzlich müsste Großbritannien viele Einzelabkommen nachverhandeln. Es wäre damit zwar isoliert, Züge könnten allerdings sicherlich auch in Zukunft durch den Kanaltunnel fahren.

Frage: Was erwarten Sie, wie entscheiden sich die Briten?

Schäfer: Die Wahlforscher rechnen mit einem knappen Ergebnis. Momentan liegen die Zahlen bei 50 zu 50. Jetzt kommt es zum Showdown. Den Briten wird erst nach und nach so richtig klar, dass ein Votum für den Brexit automatisch auch eine Europäische Union ohne Großbritannien bedeutet. Deshalb gehe ich davon aus, dass sich bis zur Abstimmung noch etwas tut.

Frage: Welche Vorteile bietet denn eine EU-Mitgliedschaft?

Schäfer: Einen großen Markt, Handels- und Reisefreiheit, freier Kapitalverkehr und natürlich eine starke Wirtschaftsmacht. Die britische Wirtschaft hat im Konjunkturverlauf zugelegt. Trotzdem besitzt Großbritannien eine Monopolstellung auf dem Kapitalmarkt. Dies hat Vorteile, wenn es gut läuft, aber große Nachteile bei Strukturveränderungen, wie zuletzt bei der Bankenkrise.

Frage: Würde ein Ausstieg Großbritanniens direkt zu einer wirtschaftlichen Katastrophe führen?

Schäfer: Vielleicht auch zu einer Erlösung - vielleicht sogar zu einer Stärkung der Europäischen Union. Die ablehnende Haltung der Briten ist schließlich nichts Neues. Schon seit ihrem EU-Beitritt 1973 haben sich die Briten regelmäßig Privilegien ausverhandelt. Jüngst durch die Möglichkeit, EU-Bürger, die auf der Insel leben, in den ersten vier Jahren von der sozialen Absicherung auszunehmen.


Welche Folgen hätte der Brexit für das Handwerk?

Frage: Aber warum diese Sonderrolle?

Schäfer: Vielleicht weil Großbritannien eine Insel ist. Die Briten sind in vielen Punkten irgendwie anders und sie sehen die Mitgliedschaft in der Union nicht als Privileg sondern eher als Last und Bevormundung.

Frage: Welche Folgen hätte der Brexit für das Handwerk?

Schäfer: Wir haben keine Erfahrung mit dem Ausstieg eines langjährigen EU-Mitglieds. Sicherlich würde der freie Zugang zum Binnenmarkt versperrt und mögliche Zölle würden eingeführt. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit und Investitionsschutzregelungen würden in Frage gestellt.  Unklar ist die Situation für unsere Handwerksbetriebe: Lieferungen müssten nach Einführung von Zöllen eigentlich teurer werden, ob Montagen wegen erhöhter Personalkosten auch teurer würden ist noch offen. Der wichtige Markt für Handwerksbetriebe im hochwertigen Innenausbau im Großraum London könnte zum Teil wegbrechen.

Frage: Würde sich ein Brexit auch bei der EU finanziell bemerkbar machen?

Schäfer: Nur bedingt, denn gemessen am BIP ist Großbritannien lediglich der zehntgrößte Zahler.

Frage: Trotzdem hoffen Sie, dass sich die Briten gegen einen Brexit entscheiden.

Schäfer: Es täte uns Europäern gut, wenn die Briten dabei bleiben. Außerdem könnte ein Ausstieg auch eine Signalwirkung auf andere Mitgliedstaaten haben. Nichtdestotrotz: es darf keine Rosinenpickerei und keine faulen Kompromisse geben! Die EU gibt es nur ganz oder gar nicht.


Hintergrund: Das Vereinigte Königreich ist die drittgrößte Handelsmacht in Europa und einer der wichtigsten Exportpartner Deutschlands. Der deutsche Handelsbilanzüberschuss gegenüber Großbritannien liegt bei mehr als 50 Milliarden Euro. Beide Staaten sind wirtschaftlich eng verbunden: rund 2.500 deutsche Unternehmen unterhalten Niederlassungen auf der Insel, umgekehrt gibt es rund 3.000 britische Firmen in Deutschland.

Foto: KD Busch

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